Besetzung: Soli (SSA), Chor (SSATB) und Streichorchester
Widmungen: Stadt Mariupol, Natascha Wodin, Mantas Kvedaravičius, Ukrainische griechisch-katholische Gemeinde München, MaxVokal München und Gerald Häußler
Uraufführung | Interpreten: 1.4.2023 Maria Schutz und Hl. Andreas – München | MaxVokal – München – Ukrainische Kammerphilarmonie – München – Dirigent: Gerald Häußler.
Nachfolgende Aufführungen | Interpreten: 2.4.2023 Bürgersaalkirche – München | MaxVokal – München – Ukrainische Kammerphilarmonie – München – Dirigent: Gerald Häußler |22.07.2023 Maximilianskirche – München – MaxVokal – München – Ukrainische Kammerphilarmonie – München – Teresa Boning (Sopran), Annette Mühlhans (Sopran), Mareike Braun (Alt) – Leitung: Gerald Häußler | 16.09.2023 – Radio Horeb | 16.11.2024 – Theatinerkirche München – Teresa Boning, Sopran – Ruth Volpert, Alt – MaxVokal – Ukrainische Kammerphilharmonie – München – Dirigent: Gerald Häußler | 24.11.2024 Marienwallfahrtsort Feichten – Yvonne Steiner, Sopran – Ruth Volpert, Alt – MaxVokal – Ukrainische Kammerphilharmonie – München – Dirigent: Gerald Häußler | 26.10.2025 – KUBIZ Unterhaching – Teresa Boning, Sopran – MaxVokal – Orchester Ensemble Lodron – Dirigent: Gerald Häußler |
Ausgabe: unbedrucktes Werk
Beschreibung: umfangreiches Werk über den liturgischen Text des Stabat Mater (Graduale Romanum 1973-1979), das in 14 Stücke unterteilt ist, in denen sich Chöre, Arien, Trios und Duette abwechseln und die von den Ereignissen in der ukrainischen Stadt Mariupol im Frühjahr 2022 inspiriert sind.
EINFÜHRUNG DES KOMPONISTEN ÜBER SEIN „STABAT MATER FÜR MARIUPOL“
Dieses Stabat Mater für Mariupol entstand im Frühjahr 2022, als die schrecklichen Bilder der Bombardierung dieser Stadt, die mir bis dahin unbekannt war, um die Welt gingen. Als ich mehr über diesen Ortsnamen erfahren wollte, stieß ich auf die kurze, aber bedeutende Geschichte der Stadt, die 1779 von einer Gruppe griechischer Kaufleute gegründet wurde und die ihr den Namen Marienstadt gaben. Diese Stadt, die seit ihrer Gründung der Mutter Jesu gewidmet ist, entwickelte sich bald zu einer reichen, offenen Stadt voller Leben und Kultur und zu einem Knotenpunkt verschiedener ethnischer Gruppen und Religionen, die jahrzehntelang koexistieren konnten und die Stadt und ihre Umgebung zum Erblühen brachten. 1941, während des Einmarsches der deutschen Truppen in Russland, wurde die Stadt fast dem Erdboden gleichgemacht und viele ihrer Einwohner wurden nach Deutschland deportiert, um in der deutschen Kriegsindustrie zu arbeiten. Nach dem Krieg erholte sich die Stadt und wurde wieder zu einem wichtigen wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum, bis zu den traurigen Ereignissen von heute.
Bei der Erinnerung an diese Geschichte und ihren Namen kam mir die Idee, den Text des Stabat Mater zu vertonen. Das Stabat Mater ist einer der meistvertonten Texte der christlichen Tradition und schildert den Schmerz und das Leiden der Mutter Jesu unter dem Kreuz. Meine Überlegung war, die zwanzig Strophen des Hymnus so zu gruppieren, dass vierzehn Stücke entstehen, die der Anzahl der Kreuzwegstationen entsprechen. Sie teilen sich in ausgewogener Weise in Chor- und Solopartien, wobei Letztere obliegen den Frauenstimmen und können nach Belieben solistisch oder chorisch interpretiert werden.
Für die Komposition habe ich eine ziemlich traditionelle Tonsprache gewählt und dadurch versucht, Atmosphären nachzubilden, die für ostkirchliche liturgische Gesänge typisch sind, mit dem Einsatz von langen Pedalen, die den Männerstimmen oder dem Orchester anvertraut sind. Es gibt auch einige Elemente der musikalischen Rhetorik, die für den behandelten Text typisch sind. Im ersten Stück (Stabat Mater) gibt es einen chromatischen Abstieg im Bass, entsprechend der Konvention des passus duriusculus. Im zweiten Stück (Cuius animam) sollen die scharfen Bögen der Solovioline das Schwert darstellen, das durchbohrt. In Nummer sechs (Pro peccatis) finden wir dagegen eine Reminiszenz an die große barocke Tradition der Turba-Chöre. Die Arie in Nummer neun (Sancta Mater) hat den Charakter eines Trauermarsches, wenn auch im Ternär-Takt. Das zehnte Stück (Tui nati) ist im pastoralen Stil gehalten.
Gegen Ende des Stabat Mater wollte ich eine Hommage an die Abendländische und Morgenländische christliche Vokaltradition. In Nummer elf (Iuxta crucem) wird ein berühmter Mariengesang der griechisch-orthodoxen Tradition (Agni parthene despina) zitiert, wenn auch nicht wortwörtlich, aber, in Erinnerung an die griechischen Ursprünge der Stadt Mariupol, in einer orientalisch anmutenden musikalischen Atmosphäre.
Im Gegensatz dazu zitiert das Thema der Fuge der Nummer zwölf (Fac ut portem) das Incipit der gregorianischen Melodie des Stabat Mater, allerdings in moll.
Auf dem kompositorischen Weg zu diesem Stabat Mater habe ich mich von der Arbeit und dem Leben zweier Menschen emotional leiten lassen, denen dieses Werk auch gewidmet ist. Der eine ist die deutsche (aber ukrainischstämmige) Schriftstellerin Natascha Wodin, Autorin des wunderschönen Buches Sie kam aus Mariupol, dessen Lektüre mich bei vielen Gelegenheiten inspirierte und mich durch die unglaubliche Geschichte ihrer Familie, die in dem Buch erzählt wird, mit der Stadt Mariupol bekannt machte. Der andere ist der litauische Regisseur Mantas Kvedaravičius, der sowohl 2014 seinen ersten wie 2022 auch seinen letzten Film in Mariupol gedreht hat. Beide sind außergewöhnliche und wertvolle Dokumente über die letzten Jahre und Tage der Stadt, deren Erschaffung von diesem mutigen Mann mit seinem Leben bezahlt wurden. Mantas Kvedaravičius wurde am 2. April 2022 von russischen Soldaten getötet, als er zusammen mit anderen Zivilisten versuchte, aus Mariupol zu fliehen.
An dieser Stelle möchte ich der ukrainischen griechisch-katholischen Gemeinde in München in Person von Pfarrer Wolodymyr Viitovitch und Kirchenmusiker Wasyl Zakopets meinen besonderen Dank für ihre Bemühungen um die Organisation dieser ersten Aufführung meiner Komposition aussprechen.
Ich danke dem Ensemble MaxVokal, München, und dessen musikalischen Leiter Gerald Häußler für das Engagement, die Geduld und den Enthusiasmus beim Einstudieren meines Stabat Mater, vom Kennenlernen erster Entwürfe, über das kontinuierliche Erarbeiten aller Stücke, die nach und nach fertig wurden, bis hin zur Uraufführung des gesamten Werkes.
Die erste Widmungsträgerin dieses Stabat Mater ist aber die Stadt Mariupol. Möge Gott dafür sorgen, dass diese Stadt, die wieder einmal vom Krieg verwüstet wurde, bald zum Frieden kommt, und dass alle Menschen guten Willens, die sie lieben, sie mit Sorgfalt und Liebe wiederaufbauen und versuchen, die Spaltungen, den Hass und den Groll zu vergessen, die der Krieg immer mit sich bringt. Nur damit wird diese Stadt, die dem heiligen Namen Mariens geweiht ist, sehr bald aus ihrer Asche auferstehen können und den neuen Generationen den Weg des Friedens und der Brüderlichkeit zum Gemeinwohl zeigen.
München, 1. April 2023
Lucio Mosè Benaglia